Gute Gründe für Babytragen
Tragen und getragen werden
Längst ist auch die Wissenschaft bzw. die (Kinder-)Ärzteschaft zu einer ganzen Reihe von für einige von uns vielleicht überraschenden Erkenntnissen gelangt. Für die Meisten, die den Umgang mit Kindern gewohnt sind, dürfte es sich dabei um Selbstverständlichkeiten handeln - nur, dass dies noch lange nicht heisst, dass man seinen Umgang mit Säuglingen auch entsprechend anpassen würde.
Die grösste uns selbst auferlegte Hürde ist dabei die vermeintliche Unvereinbarkeit einer solchen - sagen wir - ursprünglicheren Säuglingspflege mit unserem modernen, hektischen Alltag. Völlig zurecht.
Diese legen uns nahe, dass der übliche "es-wurde-doch-immer-schon-so-gemacht" - Ansatz vielleicht doch nicht das Beste für den Umgang mit unseren Kleinsten ist.
Wer sich ernshaft mit einigen der hier angesprochenen Ansätze auseinandersetzt wird früher oder später unweigerlich gegen die Wand aus Ermahnungen und Unverständnis stossen, üblicherweise aus dem eigenen familiären Umfeld (Eltern, Schwiegereltern) und dem Bekanntenkreis, aber auch aus der "traditionellen" Ratgeber- und Erziehungsliteratur.
Ob man sein Kind trägt (anstelle es im Kinderwagen zu deponieren) wenn man unterwegs ist, beim Einkaufen zum Beispiel, oder ob man noch weiter geht und das Kind auch zu Hause überwiegend am Körper trägt, ist eine zutiefst persönliche Entscheidung, die jede und jeder für sich selbst treffen muss. Könnte der betroffene Säugling schon sprechen, sein Votum wäre vermutlich eindeutig.
Der Säugling - ein Tragling
Bis vor kurzem, und teilweise auch heute, galt der Säugling allgemein als ein unselbständiges, mit wenigen Fähigkeiten ausgestattetes Wesen, das hauptsächlich essend und schlafend die Zeit verbringen muss, um so zu einem zur Kommunikation fähigen Menschenkind heranzuwachsen.
Ein Säugling, dessen körperliche Bedürfnisse gestillt sind und der zum Schlafen in einen separaten, geräuscharmen Raum niedergelegt wurde, ist keineswegs zufrieden. Auch ein gerade aufwachender Säugling beginnt meist zu weinen, falls er, nachdem er sich durch einen kurzen Laut bemerkbar gemacht hat, keinerlei Anwesenheitsbestätigungen von den Eltern erhält (Morath, 1977).
Das Verlangen nach Anwesenheit oder nur Anwesenheitsbestätigung der Betreuungsperson erfolgt häufiger, als es den Eltern rational verständlich ist; denn nichts Beunruhigendes scheint den Säugling zu umgeben. Die Ruhe und das Alleinsein, für einen Nesthocker etwas Normales und keineswegs Ängstigendes, beunruhigen ihn jedoch.
Der Säugling ist nicht von Natur aus ein Nesthocker, wie die Vorstellungen Portmanns (1944/69) es nahelegen, sondern er wurde zu einem "kulturellen" Nesthocker gemacht (Peiper, 1950, 1955, 1961). Der menschliche Säugling zeigt verhaltensbiologisch auch heute noch seine Zugehörigkeit zum Jungentypus Tragling. Dies geht aus seinem Bedürfnis nach Anwesenheit der Betreuungsperson hervor. Der tiefe Schlaf des Säuglings auch beim heftigsten Bewegtwerden und selbst bei geräuschvoller Umgebung beweist die beruhigende Wirkung von Lageveränderungen, da diese die Anwesenheit der Betreuungsperson signalisieren. Hierin liegt eine für einen Tragling verständliche Verhaltensdisposition, dessen Überleben in stammesgeschichtlicher Vergangenheit von der Gegenwart der Mutter abhängig war.













